Der Praxisbezug rückt in den Vordergrund

Ein Experte befragt im Fachgespräch-Testlauf den Probanden. Der zweite führt Protokoll. Bild: Nicole D'Orazio

Reform Weiterbildungen. Die ersten neuen Lehrgänge der Schreinerweiterbildungen sind letztes Jahr gestartet. Beim VSSM überarbeitet man derzeit die Prüfungsmodalitäten. Mit dem schriftlichen Teil ist man fast fertig, beim mündlichen hat man Testläufe durchgeführt.

Was würde ein Projektleiter jetzt tun? Wie bringt er einem Kunden, der einen fixen Zügeltermin hat, bei, dass die Arbeiten in der neuen Wohnung wegen CNC-Problemen wahrscheinlich nicht rechtzeitig fertig werden? Oder wie kommuniziert man einem bereits verärgerten Gegenüber Lieferprobleme? Im Fachgespräch, das einen Teil der mündlichen Prüfungen der überarbeiteten Schreinerweiterbildungen «Produktionsleiter/in», «Projektleiter/in» und «Schreinermeister/in» ausmacht, werden die Kandidaten in ein realistisches Szenario versetzt und geprüft. 

Im Rahmen der Reform der Schreinerweiterbildungen werden beim Verband Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten (VSSM) nicht nur die Lehrgänge, sondern auch die Prüfungsmodalitäten überarbeitet und modernisiert. Die ersten neuen Weiterbildungen sind 2025 gestartet, nächstes Jahr machen die ersten Studierenden ihre Abschlüsse. Deswegen wird derzeit an den Details gefeilt. 

Fachgespräche durchgespielt 

Ende August wurden Testläufe des Fachgesprächs durchgeführt. Ehemalige Studierende und drei Experten haben sich dafür zur Verfügung gestellt und die neuen Szenarien durchgespielt. Das Fachgespräch macht einen Drittel der mündlichen Prüfungsteile aus. Es bildet nach der Präsentation der Diplomarbeit und deren Verteidigung den Abschluss – losgelöst von der schriftlichen Arbeit. Alle drei Teile dauern jeweils 20 Minuten. 

«Im Prinzip spiegelt das Fachgespräch eine mögliche Situation aus dem Alltag in der ­jeweiligen Position wider. Zum Beispiel diejenige eines Produktionsleiters», sagt Manuela Born, Projektleiterin Weiterbildung beim VSSM. «Der Praxisbezug rückt so in den Vordergrund.» Dieser zieht sich als roter Faden durch die Prüfungen – schriftlich wie mündlich. Die schriftlichen Testläufe haben bereits stattgefunden und wurden ausgewertet. 

Alle Hilfsmittel sind erlaubt 

Bei den Prüfungen wird neu nicht mehr auf eine reine Wissensabfrage gesetzt. «Die Studierenden erhalten Aufträge statt Fragen, die sie in der vorgegebenen Zeit bearbeiten müssen», erklärt Born. Der Fokus wird neu auf Skizzen, eine Analyse, eine Entwicklung und eine Reflexion gelegt. Auch eine Intervention gehört neu dazu. Deswegen werden die Prüfungen mit allen Hilfsmitteln durchgeführt, wie sie im täglichen Berufsleben auch verwendet werden. Das bedeutet, dass die Kandidatinnen und Kandidaten alle Lehrmittel, das Internet und auch künstliche Intelligenz zur Lösung beiziehen dürfen. «Natürlich müssen hierbei alle Lösungswege abgegeben werden.» Das neue Mindset geht davon aus, dass sich die Absolvierenden während der Weiterbildung sämtliches relevantes Wissen zur Ausübung des Berufs in der Praxis angeeignet haben. 

Die Testläufe sind sehr zufriedenstellend verlaufen. «Die Probanden sowie die Experten haben gute und einheitliche Rückmeldungen gegeben.» Der durchgehende Praxisbezug werde sowohl in den schriftlichen wie auch in den mündlichen Prüfungen ­geschätzt, sagt die Projektleiterin. Die Auswertung der schriftlichen Prüfungen hat ­zudem zu einer Überarbeitung des Bewertungsrasters geführt, welche die involvierten Experten als deutliche Vereinfachung und Verbesserung wahrnehmen. «Die letzten Überarbeitungen sind nun im Gange.» 

Im Mai 2027 gilt es ernst 

Die Entwicklung der neuen Prüfungen ist mittlerweile gestartet. Im Mai nächsten Jahres finden die ersten Abschlussprüfungen der Höheren Fachprüfung «diplomierte/r Schreinermeister/in» statt. Die beiden Berufsprüfungen «Produktionsleiter/in» und «Projektleiter/in» folgen im September. «Wir sind nun daran, die schriftlichen Unterlagen zu finalisieren und mit dem Westschweizer Partnerverband Frecem sowie dem SBFI, dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, abzugleichen.» Anfang des nächsten Jahres finden die Schulungen für die Expertinnen und Experten statt.

Nicole D'Orazio, Schreinerzeitung

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